Die Entdeckung der Langsamkeit

lautet der Buchtitel der preisgekrönten Geschichte über John Franklin und seine Liebe zur Seefahrt von Sten Nadolny, in dem dieser die Biografie seines Protagonisten in eine feinfühlige Studie über die Zeit umschreibt.

Wie gehen wir in diesen besonderen Zeiten mit der Zeit um? Haben wir mehr davon, weil nicht alles möglich war und ist, halten wir den scheinbaren Müßiggang aus oder versuchen wir uns ständig selbst zu optimieren? Langeweile aushalten, können wir das noch? Sind wir entspannter, weil wir es sein können oder müssen?

Wie so oft, sind die Chancen einer Verteilung der Entschleunigung nicht gleichverteilt. Berufstätige Eltern, die gerade zusätzlich Betreuung und Bespaßung des eigenen Nachwuchs übernehmen, wissen ein Lied davon zu singen und sind abends froh, den Tag überstanden zu haben. Was machen die anderen, die nicht ausgehen, Sport im Fitnesszentrum treiben können? Sie suchen Alternativen und finden diese auch in den Angeboten der digitalen Anbieter, Sportflatrates locken mit online-Angeboten, genau wie Streamingdienste mit Schnäppchenpreisen. Warum halten wir Müßiggang nicht aus und kompensieren frei zur Verfügung stehende Zeiten mit scheinbaren Angeboten?

Wirke ich faul, wenn ich einfach herumsitze und die Seele baumeln lasse? Habe ich Angst, etwas zu verpassen? Stehe ich in Konkurrenz mit anderen, vergleiche ich mich mit ihnen? Mache ich etwas, weil es alle machen, in ist? Was treibt mich an?

Es gibt Situationen, in denen Ablenkung notwendig ist und gut tut. Und es gibt eine Vielzahl von Empfehlungen für den „Zeitvertreib“. Das, was im öffentlichen Raum entschleunigt wird, woran wir nicht teilhaben können, wird im privaten Bereich oft durch Neugierde, nicht aushaltbare Langeweile und entsprechende digitale Angebote kompensiert. Was mache ich für mich und was für die anderen und warum? Ruhe ist Ressource und wird doch als Achtsamkeit instrumentalisiert.

Wenn wir die Ruhe nicht haben können, dann träumen wir davon. Wenn sie da ist, wird sie uns leicht zu viel. Es stört uns, dass wir nicht selbst entscheiden können, wie wir es gerade haben wollen. Zwanghafte Pausen sind kaum zum Aushalten. Die Gedanken kreisen um: wenn ich hätte, wenn ich könnte…

Dr. des. Nassima Sahraoui untersucht in ihrem Forschungsprojekt die aktive Faulheit und Muße, um sich der schnelllebigen Geschäftigkeit zu entziehen und das schon vor Corona.

Zusätzlich kommt dazu, dass wir zwei Ängste haben: Krankwerden durch das Virus und was kommt nach der Zeit? Wie geht es weiter? Auch die Zweckoptimisten unter uns geraten an dieser Stelle ins Grübeln, über sich und andere. Der eine oder die andere stellen vielleicht auch fest, dass das, wofür sie jetzt Zeit hätten, gar keine Freude macht. Ob der Zustand nach der Krise dem Zustand vor der Krise entsprechen wird? Wer weiß das schon genau und will es auch wissen? Werden unsere Erfahrungen aus der Krise uns prägen und zukünftiges Handeln bestimmen? Wie nahe uns die Natur gerückt ist, als wir einmal sieben Wochen das Auto wegen Homeoffice stehen ließen!

Vergessen wir nicht, was wir erreichen können, wenn wir es wollen und die Zeit dafür haben, sie uns nehmen und sie nutzen.