Die Gewohnheit ist ein Seil ...

Wir weben jeden Tag einen Faden, und schließlich können wir es nicht mehr zerreißen, sagte Thomas Mann. Daran musste ich denken, als beim letzten Familienfest alle geladenen Gäste auf die Plätze am Tisch zusteuerten, die sie immer einnehmen.

Die Macht der Gewohnheit! So als wüssten sie genau, wer sich an ihrer Seite niederlassen wird. Bei uns zu Hause hieß es immer, niemand hat einen Stammplatz, wenn sich Familie und Gäste am  Essenstisch niederließen. Trotzdem  gab es gewohnheitsmäßige Sitzkonstellationen und das kurze Nachdenken darüber, ob es heute anders sein könnte, wurde schnell beiseitegeschoben.

Gewohnheiten geben uns Sicherheit und laufen unbewusst, ganz automatisch ab. Neben unserem Verhalten steuern sie auch das Denken und Fühlen, ohne dass wir das so genau mitbekommen. Erst wenn wir mit der Nase darauf gestoßen werden, stellen wir fest, dass wir unsere Schlüssel immer an dieselbe Stelle legen, die Besteckkästen im gleichen Muster eingeordnet sind.

Viele Routinen haben wir schon in der Kindheit erlernt, wie z.B. das Zähneputzen, das An- und Ausziehen von Kleidungsstücken. Wir denken gar nicht mehr darüber nach, wenn wir sie tun. 30 bis 50 Prozent unserer täglichen Entscheidungen laufen wohl so routiniert ab.

Manchmal sind die Verhaltensgewohnheiten mit Gefühlsgewohnheiten gekoppelt, wenn z.B. ein Vortragender beim Reden mit den Haaren oder dem Bleistift spielt, kann das Ausdruck von Nervosität sein. Dass unsere Denkgewohnheiten unsere Einstellungen und Werte widerspiegeln, zeigt sich am deutlichsten beim Umgang mit unbekannten Personen, die wir mit unserem Blick scannen und gleich in eine Schachtel einräumen. Denkgewohnheiten entscheiden darüber, wie wir unsere eigenen Fähigkeiten und Kenntnisse einschätzen und natürlich ob wir Ordnung und Pünktlichkeit für wichtig halten. Sie haben Einfluss darauf, wie wir mit Ablehnung und Lob umgehen, ob wir einen positiven oder eher negativen Blick auf Ereignisse haben. So werden die einen bei einem negativen Ereignis eher in Weltuntergangsstimmung verfallen und die anderen sehen das Positive, dass etwas Neues entstehen kann.

Unsere Gefühlsgewohnheiten verraten unseren Charakter. Reagiere ich genervt, weil mich die Kollegin zum gefühlt hundertsten Mal das Gleiche fragt, verärgert, wenn meine Präsentation nicht so gelingt, wie ich es mir vorstelle oder reagiere ich gelassen und nehme die Situation so an wie sie ist. Ja, und dann gibt es noch die Unterscheidung in gute und schlechte Gewohnheiten. Ist die Gewohnheit gut, wenn ich nach dem Essen sofort den Tisch abräume, um es ordentlich zu haben oder ist sie schlecht, weil ich die Stimmung durch mein Aufräumen unterbreche. Und wer entscheidet darüber, was gut und schlecht ist?

Gewohnheiten geben uns Vertrauen. Bereits ein Kind weiß, dass es den Eltern vertrauen kann, wenn es immer zur gleichen Zeit aus dem Kindergarten abgeholt wird. Es macht die Erfahrung, dass es keine Angst davor haben muss, vergessen zu werden. Gewohnheiten helfen auch, unbekannte Situationen unbelasteter zu betrachten, sich Hilfe und Unterstützung zu holen, bei den Personen, die uns nah sind. Das Wissen um Gewohnheiten stärkt auch unsere Beziehungen, weil wir dann wissen, dass die Kollegin, unser Kind, unser Partner immer so reagieren.

Und wie hat Konfuzius bereits festgestellt: Von Natur aus sind die Menschen fast gleich; erst die Gewohnheiten entfernen sie voneinander. Ja, und das scheinbare Entfernen voneinander bringt sie dann doch wieder zueinander, wenn sie sich aufeinander einlassen.