Über das Vermissen in Lockdown Zeiten

Seit mehr als sechs Wochen üben wir den Verzicht und konnten im Verlauf einiges über uns selbst lernen. Meine Kollegen und Kolleginnen sind wie ich im Homeoffice und wir haben festgestellt, dass wir mit viel weniger auskommen können als es uns das Büro normalerweise bietet. Im Moment. Ob das so bleibt, wissen wir natürlich nicht. Homeoffice ist gerade die Ausnahme von der Regel und einige liebäugeln bereits mit den veränderten Bedingungen. Ich spare mir An- und Abfahrt, das papierlose Büro geht zu Hause gleich noch einmal viel besser. Aufgaben, die nur im Büro erledigt werden können, werden gesammelt und dann zügig vor Ort abgearbeitet, damit wir Mindestabstände und Zusammentreffen mit Kollegen vermeiden können. Was fehlt ist der informelle Smalltalk, das zwischenmenschliche Miteinander auf dem Flur, in der Kantine oder im gemeinschaftlichen Meeting. Das geht schon ab, auch wenn ich vorher vielleicht das eine oder andere Mal genervt war über scheinbar immer wiederkehrende Geschichten.

Fehlen tut mir auch die spontane Entscheidung den vorgeplanten Speiseplan über den Haufen zu werfen und einfach, weil das Wetter gut ist, ich keine Lust zum Kochen habe oder alle Zeit haben, zum Lieblingschinesen oder -griechen zu gehen. Zum Bäcker gehe ich gerne am frühen Morgen als Ausgleich für die Fahrt zur Arbeit, damit kann ich, wenn ich es brauche, den Übergang zwischen Privatem und Arbeit herstellen. Die Kantine in meiner Küche hat auch genaue Öffnungszeiten, führe uns nicht auf Grund kurzer Wege in Versuchung. Beim Einkaufen haben mich die leeren Regale, in denen sonst verschiedene Sorten Toilettenpapier, Nudeln, Mehl oder Hefe zu finden waren, sehr verwundert und ich habe mich immer gefragt, warum Menschen solche Dinge horten. Ein wenig ratlos habe ich dafür keine Erklärung gefunden. Ich habe versucht, an die Zeit nach Tschernobyl zu denken, in der die Welt auch im Ausnahmezustand war. Der Vergleich half jedoch nicht weiter.

Zurückhaltend bin ich bei den Besuchen in der Stadt zum Bummeln oder Einkaufen. Wir brauchen viel weniger Neues als gedacht. Kleid und Hose aus dem Vorjahr tun es schon noch, jetzt im Homeoffice sowieso, wenn mich alle nur bis maximal zur Taille in der Videokonferenz sehen.

Meinen Qigong-Kurs vermisse ich weniger stark als angenommen, wobei ich mittlerweile auch körperlich merke, dass womöglich die Corona-Pfunde mich meine Nachlässigkeit spüren lassen. Für die Übungen allein zu Hause bin ich wohl nicht diszipliniert genug, wo ich doch sonst…..Joggen als Ausgleich kommt auf gar keinen Fall in Frage. Allein die Vorstellung mit hundert anderen auf den bekannten Wegen zu joggen, gruselt mich.

Als Lesejunkie hat sich für mich wenig geändert: Coronazeiten hin oder her. Das geht immer, überall, zu jedem Wetter und zu jeder Zeit.

Ohne Farbe in den Haaren und mit einem unkompliziertem Schnitt auf dem Kopf, fiel der Verzicht auf den Frisör auch leichter als meinem Mann, der im Büro auf seine Frisur angesprochen, feststellte, dass er zu Beginn von Corona doch noch gerade beim Schneiden gewesen war.

Am meisten fehlt mir der Kontakt zu meiner großen Familie und den Freunden, die wir haben. Wie war die Regel? Eltern dürfen ihre Kinder und Enkel treffen, weil diese in gerader Linie sind. Was ist mit meinen Schwiegersöhnen und -töchtern, meinen Verwandten aus der zweiten Linie? Patchwork war an dieser Stelle schon immer herausfordernder. Treffen im Schichtbetrieb hatten wir zum Muttertag.  Immer auf Abstand, gut, dass das Wetter mitspielte und wir den großzügigen Garten nutzen konnten.

Das gemeinschaftliche Arbeiten mit den Enkeln an den Hochbeeten wird noch weiter auf sich warten lassen, das war geplant und musste aufgeschoben werden. Vielleicht gelingt uns die Ernte wieder gemeinschaftlich, das wäre schön und gibt Hoffnung, dass die Zeiten wieder anders werden.